Das Werk Tanne wurde im Dritten Reich als Sprengstofffabrik erbaut. Die zentrale Lage, der niedergegangene Bergbau mit einhergehender Arbeitslosigkeit in der Region und die Kühlwasserversorgung durch die Teichanlagen waren klare Standortvorteile für eine Anlage, die zu einer der größten Produktionsstätten von TNT wurde. Heute macht das Gelände auf den ersten Blick einen verlassenen und verwilderten Eindruck. Die Mitglieder der Kirchenkreiskonferenz des Kirchenkreises Harzer Land nahmen an einer Führung Teil, um sich über diesen Abschnitt der Heimatgeschichte zu informieren.
„Die NSDAP war damals stark hier im Oberharz“, erläutert Hansjörg Hörseljau, Fotograf und absoluter Kenner vieler historischer Orte im Harz. Schon nach dem ersten Weltkrieg wurden Vorbereitungen für einen weiteren Krieg getroffen, erklärt er, hier entstanden von 1934 bis 1936 innerhalb von nur zwei Jahren 214 Gebäude.
Zu einigen führt er die Teilnehmenden über das Gelände, zeigt, wo das TNT produziert und abgefüllt wurde, erklärt die eigene Infrastruktur. „Die Dächer waren von Anfang an bewachsen“, erläutert er mit Blick auf einige kleinere Gebäude, die selbst im Vorbeigehen übersehen werden könnten, aus der Luft aber so völlig unsichtbar sind. Erbaut wurde alles von Menschen aus der Region, das galt zunächst auch für die Arbeiter, später seien dann aber auch Zwangsarbeiter rekrutiert worden.
1939 begann die Produktion. „Die Arbeitsbedingungen waren schlecht, viele hatten einen Zweitjob in Familien in Clausthal“, berichtet Hansjörg Hörseljau. Sie wurden „Kanarienvögel“ genannt, weil ihre Haare und ihre Fingernägel durch die Schadstoffe gelb wurden. Der Boden ist mit diesen Schadstoffen bis heute belastet. Grund dafür sind sowohl Bombenangriffe wie auch die Demontage der Anlagen.
Da auch das Wasser – das Abwasser wurde weit in die Umgebung geleitet und dort im Untergrund versickern lassen – belastet ist, entstanden auf dem Gelände mehrere Pufferbecken und eine Aktivkohleanlage. „So fand man heraus, dass sich einige sprengstofftypische Verbindungen allein dadurch auflösen, dass sie dem Sonnenlicht ausgesetzt sind“, berichtete Hansjörg Hörseljau. Weitere Prozesse, z. B. mit Mikroorganismen folgen, doch diese Schadstoffbelastung und Aufbereitung sind der Grund, dass das Gelände bis heute in Teilen kontaminiert ist, eine Altlastensanierung erforderlich ist und eine kluge Nachnutzung erfolgen muss.
Aktuell gibt es Pläne für einen Windpark, der laut Hansjörg Hörseljau, so er denn so weit wie möglich ausgebaut wird, ganz Clausthal-Zellerfeld energetisch unabhängig machen könne. Gegen die Windkraftanlagen gibt es aber eine Petition, weil viele Bürger*innen negative Folgen für die Natur, die Landschaft, den Tourismus und die Anwohner erwarten. Letzteres durch Lärmbelastung, Schattenwurf und blinkende Signallichter, die die Lebensqualität in einigen Wohngebäuden, die nur 500 Meter Abstand hätten, abwerten könnten, so der Wortlaut der Online-Petition. Laut den Eigentümern sind die Pläne des Standorts, die auf Initiativen des Niedersächsischen Umweltministeriums aufbauen, „für die Berg- und Universitätsstadt Clausthal-Zellerfeld Zukunftsweisend. Hier sollen neben Windkraftanlagen und Photovoltaik ein Gewerbegebiet entstehen sowie Caravan Stellplätze für eine touristische Nutzung“, so Alexander Schönburg-Hartenstein. „Die Eigentümer von Werk Tanne begrüßen eine Diskussion als Zeichen der Demokratie und hoffen auf Vernunft für nachhaltige Energie und Wirtschaft, Arbeitsplätze und Wohlstand. Denn eines ist seit Jahrhunderten klar: Der Energie folgt die Wirtschaft und damit der Wohlstand aller Menschen.“
Die Teilnehmenden der Kirchenkreiskonferenz waren fasziniert von den ausführlichen Erläuterungen und insbesondere auch davon, dass selbst ein Gelände mit solcher Vergangenheit irgendwann wissenschaftlichen Erkenntnissen dienen kann, und auch, dass einfaches Sonnenlicht manches Problem lösen kann. Insgesamt war es ein spannender Ausflug, der besondere Anblicke sowie etliche neue Informationen brachte.
Hintergrund:
Der neue Kirchenamtsleiter Tobias Grote stellte zu Beginn seiner Amtszeit fest, dass es in der Kirche ja mehr Sitzungen und Gremien als in der kommunalen Verwaltung gibt. Ganz falsch liegt er damit ja nicht. Die Kirchenkreiskonferenz ist eine i.d.R. monatliche Konferenz für Pastor*innen, Diakon*innen, Kirchenmusiker*innen und Sozialarbeiterinnen im Kirchenkreis. Sie dient dem Austausch untereinander sowie der Fortbildung und das eben im Sommer durchaus auch mal in einem größeren Rahmen.
Christian Dolle