„Der heutige Tag ist ein Prüfstein“, sagte Bürgermeister Jens Augat bei der Kundgebung zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust am Dienstag auf dem Kornmarkt in Osterode. Wie konnte es sein, dass damals weggeschaut und geschwiegen wurde? Doch gerade heute leben wir wieder „Muster der Macht, die sich von Wahrheit löst“ in den USA und in Russland und wir erleben zunehmende Gleichgültigkeit aber auch Applaus dafür.
„Erinnerung ist keine Strafe, sondern eine Art Schutzschild“, machte er deutlich. Auch in Osterode gab es damals KZ-Außenlager und es gab das Wegsehen. Das dürfe sich nicht wiederholen, deshalb sei es so wichtig schon jetzt, wo es vielleicht erst einmal nur Worte sind, deutlich zu widersprechen.
Die Kundgebung fand im Rahmen der Osterode Gedenkwoche statt, die von der Stadt, dem Kirchenkreis Harzer Land, den Omas gegen Rechts und anderen Akteuren organisiert wurde. Pastor Johann-Hinrich Witzel ist einer der Hauptorganisatoren und führte auch auf dem Kornmarkt sozusagen durchs Programm, das von Richie Guitar musikalisch umrahmt wurde. Etwa 120 Menschen kamen laut Polizei zusammen, um am Gedenken teilzunehmen.
„Ich rede hier als Christin“, betonte Superintendentin Ulrike Schimmelpfeng als zweite Rednerin. „Kein Mächtiger darf sich Christ nennen, wenn er ein anderes Land überfällt oder einfach so haben will“, sagte sie, es stehe den christlichen Werten entgegen, Menschen in bessere und schlechtere einzuteilen, Hass auf Einwandernde zu schüren, wohl aber decken sich die christlichen Werte mit den Menschenrechten und dem Völkerrecht.
Insbesondere an politische Entscheider gewandt, forderte sie: „Fangen Sie bitte nicht an so zu reden wie diejenigen, die unsere Demokratie mit Füßen treten“ und nicht wieder bestimmte Gruppen zu Sündenböcken zu machen. „Wir können doch stolz sein, wenn Einwanderer zu uns kommen wollen und wir es schaffen, sie gut und schnell zu integrieren in ein Land mit freien und geheimen Wahlen, mit Gleichberechtigung, mit Pressefreiheit, in ein Land, wo jeder Mensch zählt.“
Zum Schluss sprach Brigitte Maniatis für die Omas gegen Rechts. „Der Weg nach Auschwitz begann nicht mit den Gaskammern“, mahnte sie, sondern mit dem Denken, dass manche Menschen weniger wert seien als andere. In der Folge mit Druck gegen Menschen, wie wir es aktuell in den USA erleben. Auch bei uns verschieben sich die Grenzen des Sagbaren. „Beispiele sehen wir genug“, bedauerte sie, es entstehe ein „Klima, das von Verachtung lebt“.
Wie ihre Vorredner appellierte sie an alle Anwesenden, all dies nicht zuzulassen, klar Position für die Demokratie und die Menschenrechte zu beziehen und eben nicht wegzuschauen. Die Dringlichkeit und Aktualität, die wie ein Schatten über dem eigentlichen Gedenken lag, machte deutlich, dass wir wohl tatsächlich an einem Prüfstein angelangt sind.
Christian Dolle