Würde – Eine Annäherung

Nachricht Osterode, 22. Januar 2026

Auftakt der Osterode Gedenktage in der BBS II

@C.Dolle

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht am Anfang unseres Grundgesetzes. Es sei das Glaubensbekenntnis der Bundesrepublik, sagten Carmen Barann und Marie Anne Langefeld beim Auftakt der Osteroder Gedenktage zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust in der BBS II.

Die Gedenktage finden in diesem Jahr zum zweiten Mal in Form einer Veranstaltungsreihe in Osterode statt, organisiert von der Stadt, dem Kirchenkreis Harzer Land, der Hans-Lilje-Stiftung sowie den Omas gegen Rechts. In der BBS begrüßten Schulleiter Dr. Carsten Wehmeyer und Pastor Johann-Hinrich Witzel viele Schüler*innen und weitere Gäste. Dr. Wehmeyer machte eingangs deutlich, welch „fundamentaler Prozess“ es war, dass die Überzeugung, alle Menschen hätten die gleiche Würde, sich durchsetzte. Das Grundgesetz schütze dies, „keinerlei Willkür staatlicher Gewalt soll es bei uns je wieder geben“, sagte er. „Die Menschenrechte und die Demokratie sind unbedingt schützenswert“, betonte auch Pastor Witzel.

Carmen Barann und Marie Anne Langefeld widmeten sich dem Thema Würde in einem literarischen Überblick. Was ist überhaupt Würde? Ist uns Menschen Freiheit und Gleichheit eingeboren? Achten wir immer und in jeder Situation die Würde des anderen? In verschiedensten Texten beleuchteten sie unterschiedlichste Aspekte, von der Bibel über Gedichte bis hin zu Erfahrungsberichten.

„Wir brauchen eine Kultur der Fürsorge und Achtsamkeit“, stellten sie heraus. Die Würde müsse oberstes Prinzip menschlichen Zusammenlebens sein, daher dieser erste Artikel im Grundgesetz. „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Im Nationalsozialismus wurden marginalisierte Gruppen gezielt und systematisch eingeschränkt, verfolgt, getötet. Der christliche Glaube, schon zu Beginn des Alten Testaments, wenn Gott alle Menschen nach seinem Bild erschafft, steht dem entgegen, Moral und Ethik zu jeder Zeit ebenso.

Der Philosoph Immanuel Kant machte deutlich, dass jeder Schuh einen Wert hat. Wenn er gebraucht wird. Wenn er kaputt ist, nicht mehr. Der Mensch hat diesen Wert, seine Würde immer. Auch, wenn er krank ist, nicht arbeiten kann etc. (Ein interessanter Gedanke in Zeiten, in denen die Politik Bürgern vorwirft, zu häufig krank zu sein und soziale Aufgaben des Staates drastisch einzuschränken; Anm. d. Verf.) „Würdig mit anderen umzugehen ist eigentlich gar nicht so schwer“, stellten die Referentinnen schließlich fest. Es habe auch mit Selbstbewusstsein zu tun, denn wenn wir lernen, uns selbst zu schätzen, gelingt uns das auch bei anderen.

Der Vortrag wurde von von Heike Catalán an der Geige im wahrsten Sinne des Wortes würdevoll musikalisch umrahmt. Das wussten auch viele der Zuhörer zu schätzen, die sich anschließend für diese Sichtweisen bedankten. Einige schilderten zudem noch eigene Erlebnisse, in denen Würde verletzt wurde, beispielsweise die junger Menschen im Internet, der Omas gegen Rechts auf der Straße oder von Menschen mit Migrationshintergrund in vielen Alltagssituationen. Gerade diese Diskussion zeigte, dass Angriffe auf die Würde sich in jüngster Zeit mehren und ihr Schutz daher nicht bloßes Lippenbekenntnis sein darf.

Zum Abschluss wies Johann-Hinrich Witzel auf die kommenden Veranstaltungen der Gedenktage hin. Am Freitag, 23. Januar, steht ein Gedenkkonzert mit dem Klezmer-Projekt Orchester um 19 Uhr im Forum der BBS I auf dem Programm. Am Sonntag, 25. Januar, wird zum Gedenkgottesdienst um 16 Uhr in der Marktkirche eingeladen. Am Montag, 26. Januar, gibt es erneut eine Lesung mit Musik um 13.30 Uhr im Musiksaal des TRG. Die Offizielle Kundgebung mit Bürgermeister Jens Augat, Superintendentin Ulrike Schimmelpfeng, Pastor Johann-Hinrich Witzel und weiteren Rednern findet am Dienstag, 27. Januar, um 18 Uhr auf dem Kornmarkt statt. Und ein Vortrag zur NS-Euthanasie wird am Freitag, 30. Januar, um 19 Uhr in der Stadtbibliothek angeboten.

Christian Dolle