Regionalbischof Dr. Claas Cordemann hat am Samstag Julia Sohn in der vollbesetzten Clausthaler Marktkirche zum Heiligen Geist zur Pastorin ordiniert. Cordemann zeigte sich schon zu Beginn beeindruckt von der Kulisse. „Das ist ja eine unglaubliche Kirche“, sagte er mit Blick in das volle Gotteshaus. „Und wenn sie dann auch noch so gut besetzt ist – besser geht’s nicht. Fast wie Weihnachten.“
Mit dem Festgottesdienst hat für die 46-Jährige zugleich ein neuer Berufsabschnitt begonnen: Nach ihrer Ausbildung zur Pfarrverwalterin übernimmt sie ihre erste eigene Pfarrstelle in der Gesamtkirchengemeinde Oberharz.
Was trägt einen Menschen, wenn die eigene Kraft nicht mehr reicht? Für Sohn steht über ihrem neuen Amt ein Satz aus einem Brief des Apostels Paulus im Neuen Testament: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Cordemann setzte diesen Satz bewusst in Gegensatz zu Erwartungen, die viele Menschen aus ihrem Alltag kennen. „Der Zeitgeist sagt ja eher Dinge wie: Du musst stark sein. Du musst dich durchsetzen. Du musst funktionieren.“ Dazu komme der Druck, Schwächen zu überwinden und sich ständig zu verbessern. Paulus formuliere einen Gegenentwurf, sagte der Regionalbischof. Schwäche müsse nicht verborgen oder wegoptimiert werden. „Vielleicht ist meine Schwäche genau der Ort, an dem Gottes Kraft überhaupt erst sichtbar werden kann.“
Das sei keine abstrakte theologische Überlegung, sondern berühre Sohns eigenen Lebensweg, machte Cordemann deutlich. „So geht es nicht mehr“ – und gleichzeitig: „Was mache ich denn jetzt?“ In dieser Phase der Orientierungslosigkeit habe Sohn Halt im Gebet gefunden. Sie habe Sorgen aus der Hand gegeben und darauf gehofft, dass sich eine neue Möglichkeit auftue. Aus einer Sackgasse habe sich „wie aus dem Nichts“ ein Weg geöffnet, so Cordemann. „Als Sie sich kraftlos fühlten, wuchs Ihnen eine Kraft zu, die irgendwie nicht mehr Ihre eigene war.“ Sohn selbst spreche dabei von „Heiliger Geistkraft“. Dass ihre Ordination nun ausgerechnet in der Marktkirche zum Heiligen Geist stattfinde, nannte der Regionalbischof deshalb „ein echtes Geschenk“.
Sohns Weg zur Kirche verlief keineswegs geradlinig. Aufgewachsen ist sie in der römisch-katholischen Kirche in Süddeutschland. Als Jugendliche habe sie begonnen, ihren Glauben kritisch zu hinterfragen, sich mit diesen Fragen bei kirchlichen Ansprechpartnern aber nicht ernst genommen gefühlt. Doch bei kirchlichen Ansprechpartnern fühlte sie sich mit ihren Fragen nicht ernst genommen – eine Enttäuschung, die sie zunächst von der Kirche distanzierte. Nicht jedoch vom christlichen Glauben.
Über ehrenamtliche Arbeit in der Gemeinde von Pastor Jochen Gerdes, bei dem sie sich mit ihren religiösen Fragen ernst genommen fühlte, fand Sohn später zur evangelischen Kirche. Den letzten Anstoß, Pastorin zu werden, gab schließlich Göttingens Superintendent Frank Uhlhorn.
Dabei hatte Sohn zunächst einen ganz anderen Berufsweg eingeschlagen. Sie studierte Politikwissenschaft sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften, arbeitete als politische Referentin einer Kreistagsfraktion und in einem Wahlkreisbüro eines Europaabgeordneten, später als Dozentin für Kommunikation und Politik sowie als persönliche Referentin des Landrats. „Das können wir auch wohl in der Kirche gebrauchen“, sagte Cordemann über diese Erfahrungen. Sohn bringe Kenntnisse aus „vielen Lebenswirklichkeiten“ mit, die auch für ihre Arbeit in den Gemeinden wertvoll seien.
Der Regionalbischof schlug am Ende den Bogen zu ihrer neuen Aufgabe im Oberharz. „Gott geht manchmal verrückte Wege mit uns“, sagte er über Sohns ungewöhnlichen Weg in den Pfarrberuf. Für ihren Dienst und die Gemeinden wünschte er ihr unter anderem „Zukunftswillen bei allen Veränderungen, Lebensmut, Hoffnung“ und Freude an der Gemeinschaft.
Unter den Gästen waren nicht nur Vertreterinnen und Vertreter von Vereinen, Polizei und Zivilgesellschaft, sondern auch der niedersächsische Sozialminister Dr. Andreas Philippi. Musikalisch umrahmten die Ökumenische Kantorei, der Posaunenchor, die St. Nikolai-Gospel-Singers aus Altenau, ein Streichquartett und Arno Janssen an der Orgel den Gottesdienst.
Die Fotos können Sie gerne frei verwenden:
9853 zeigt Regionalbischof Dr. Claas Cordemann bei der Ordination von Julia Sohn, 9856 direkt danach;
9905: Julian Sohn spendete ihren ersten Segen nach ihrer Ordination.
9924: Pastorin Julia Sohn und Regionalbischof Dr. Claas Cordemann sowie die Assistierenden der Ordination.
9928: Pastorin Julia Sohn und Regionalbischof Dr. Claas Cordemann
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G.Müller