Die St. Aegidien-Marktkirche in Osterode durfte kürzlich besonderen Besuch begrüßen: Anlässlich des 125. Geburtstages ihrer Großtante Emmi von Lilljeström am 27. Mai reisten die Brüder Lennart und Holger Lüders aus Westfalen nach Osterode, um die Spuren der bemerkenswerten Künstlerin nachzuverfolgen und ihr Wirken in Erinnerung zu rufen.
Bei einer Turmführung präsentierte Werner Harms den beiden Großneffen eines ihrer bedeutendsten Werke: den kunstvoll gestalteten Wandbehang mit den vier Evangelisten, der noch heute in bemerkenswert gutem Zustand erhalten ist. Ein weiteres Werk der Kunsthandweberin befindet sich in der Kirche Zum Guten Hirten in Osterode. Der ebenfalls in den 1930er-Jahren entstandene Wandbehang zeigt die Darstellung des Guten Hirten nach einem Entwurf von Professor Kohler, der auch die Gestaltung der Kirchenfassade entwarf. Für das Werk verarbeitete Emmi von Lilljeström Wolle auf Leinen.
Die 1901 geborene und 1955 verstorbene Künstlerin führte ein außergewöhnliches Leben, an das ihre Großneffen bei ihrem Besuch erinnerten. Die aus einer Familie mit schwedischen Wurzeln stammende Emmi von Lilljeström begann 1920 ihr Studium in Berlin-Charlottenburg. Weitere Stationen führten sie an die Akademie in Wismar sowie an die Kunstgewerbeschule Nürnberg, wo sie bei Rudolf Schiestl freie Grafik und Buchschmuck studierte. Nach ihrem Abschluss als Grafikerin setzte sie ihre Ausbildung an der Kunstschule Stuttgart mit dem Schwerpunkt Schriftkunst fort. Später entdeckte sie ihre Leidenschaft für die Handweberei und vertiefte ihre Kenntnisse in Web- und Färbekursen an der Webschule in Kolberg.
In dieser Zeit ließ sich Emmi von Lilljeström schließlich in Osterode nieder. Hier entstanden zahlreiche ihrer meisterhaften Holzschnitte, die in renommierten Zeitungen veröffentlicht wurden. Selbst die markante Titelzeile des Osteroder Kreisanzeigers stammt aus ihrer Feder.
Ihr künstlerisches Schaffen war vielseitig: Sie fertigte Teppiche und Wandbehänge für Museen, Kirchen und private Auftraggeber an. In einem ihrer Werke konnten nicht weniger als 48 verschiedene Farbtöne gezählt werden. Zu ihren eindrucksvollsten Arbeiten zählt der Wandteppich in der St. Aegidien-Marktkirche - gewebt aus Wolle auf Leinenkette und mit handgestickter Signatur versehen.
Am 14. März 1939 wurde Emmi von Lilljeström in die Handwerksrolle der Kreishandwerkerschaft Osterode für „Kunsthandweberei und Teppichknüpfen“ eingetragen. Damit war sie berechtigt, Lehrlinge und Gesellen auszubilden – ein weiterer Meilenstein ihrer beruflichen Laufbahn.
„Emmi von Lilljeström war schon eine bemerkenswerte Frau, die viele bedeutende Werke hinterlassen hat. Es ist erstaunlich, was sie sich in den schwierigen Kriegsjahren aufgebaut hat“, würdigten Lennart und Holger Lüders das Lebenswerk ihrer Großtante.
Dass ihr Schaffen bis heute nachwirkt, zeigte auch die 2001 gemeinsam vom Heimat- und Geschichtsverein Osterode sowie der Interessengemeinschaft Kunstkreis Osterode e.V. organisierte Ausstellung „Retrospektive“. Sie widmete sich den Künstlerinnen Emmi von Lilljeström und ihrer Tante Bertha Tetzner – zwei Frauen, die ihr Leben ganz der Kunst verschrieben hatten.
M. Spillner